Mittwochabend im Ruhrgebiet. Für viele vielleicht ein ganz gewöhnlicher Abend unter der Woche – für Metalheads hingegen gibt es durchaus bessere Möglichkeiten, den Feierabend zu verbringen, als auf die Ziehung der Lottozahlen zu warten. In diesem Fall führt der Weg in die Matrix nach Bochum, wo SOULFLY um Frontmann Max Cavalera Halt machen.
Die brasilianische Band zählt seit Jahrzehnten zu den festen Größen der härteren Metal-Landschaft. Mit einer Mischung aus Thrash Metal, Groove Metal und den für SOULFLY charakteristischen Tribal-Einflüssen hat Max Cavalera längst eine eigene musikalische Handschrift entwickelt. Als Support ist an diesem Abend die Düsseldorfer Metalcore-Band ARRIVING HOME mit dabei.
ARRIVING HOME
Den Auftakt übernimmt ARRIVING HOME aus Düsseldorf. Die Band bewegt sich musikalisch klar im Metalcore und liefert einen insgesamt soliden Auftritt ab. Für eine Tour mit SOULFLY wäre aus meiner Sicht allerdings auch ein etwas härterer, stärker in Richtung Thrash orientierter Support denkbar gewesen.
Davon abgesehen gibt es an der Performance wenig auszusetzen. Die Düsseldorfer wirken eingespielt und präsentieren ihr Material souverän. Auch der Sound ist insgesamt ordentlich abgestimmt. Lediglich das Schlagzeug fällt stellenweise etwas zu dominant aus und drängt andere Instrumente teilweise in den Hintergrund.
Mit „Hunter & Collectors“ veröffentlichte ARRIVING HOME im Jahr 2024 das Debütalbum. Die darauf enthaltenen Stücke besitzen durchaus Energie und gehen konsequent nach vorne. Gleichzeitig fehlt dem Material aus meiner Sicht noch ein gewisses Maß an Eigenständigkeit und musikalischer Tiefe. Einige Songs sind interessant aufgebaut und verfügen über gute Ansätze, bleiben letztlich aber etwas zu sehr innerhalb der bekannten Genregrenzen.
Das dürfte insbesondere daran liegen, dass ARRIVING HOME musikalisch stark im modernen Metalcore verankert sind. Wer sich in diesem Bereich wohlfühlt, dürfte mit der Band durchaus seine Freude haben. Für Hörer, die sich bereits intensiver mit unterschiedlichen Spielarten des Metal beschäftigen, bietet der Auftritt dagegen vergleichsweise wenig Überraschungen.
Das Publikum nimmt die Düsseldorfer dennoch ordentlich auf. Vor der Bühne wird bereits mitgegangen, wenn auch noch deutlich verhaltener als später beim Hauptact. Während sich im vorderen Bereich zunehmend Bewegung entwickelt, bleibt es in den hinteren Reihen erwartungsgemäß ruhiger.
SOULFLY
Mit SOULFLY ändert sich die Atmosphäre in der Matrix dann schlagartig.
Bereits mit den ersten Takten von „Back to the Primitive“ ist klar, wohin die Reise geht. Die Band startet mit einem ihrer bekanntesten Stücke und entfacht unmittelbar die erwartete Energie. Vor der Bühne entsteht innerhalb kürzester Zeit ein intensiver Moshpit. Das Publikum geht mit voller Hingabe zur Sache, Haare fliegen, die ersten Crowdsurfer machen sich auf den Weg und die Matrix wird zu einem einzigen bewegten Meer aus Menschen.
SOULFLY gelingt es dabei vom ersten Song an, genau die Atmosphäre zu erzeugen, die man von einem Auftritt dieser Band erwartet: kompromisslos, laut und körperlich.
Max Cavalera präsentiert sich dabei in guter Verfassung. Natürlich ist ein Vergleich mit dem letzten SOULFLY-Auftritt in der Matrix vor rund zehn Jahren unvermeidlich. Damals wirkte das Bühnengeschehen noch etwas intensiver und Cavalera selbst noch eine Spur agiler. Dennoch hinterlässt der Frontmann auch an diesem Abend einen ausgesprochen souveränen Eindruck.
Die Setlist bietet anschließend einen gelungenen Querschnitt durch die Bandgeschichte. Mit „No Hope – No Fear“ steht ein Stück vom selbstbetitelten Debütalbum auf dem Programm, das mittlerweile beinahe drei Jahrzehnte zurückliegt. Auch „Prophecy“ darf nicht fehlen.
Gleichzeitig berücksichtigt die Band das aktuelle Material. Mit „No Pain – No Power“ und „Chama“ finden sich zwei Songs vom aktuellen Album „ Chama“ im Set. Die neuen Stücke fügen sich dabei erstaunlich selbstverständlich zwischen die älteren Klassiker ein.
Überhaupt funktioniert die Zusammenstellung der Setlist ausgesprochen gut. SOULFLY konzentrieren sich nicht ausschließlich auf die großen Klassiker, sondern zeigen, dass auch das neuere Material seinen Platz im Live-Programm verdient hat.
Ein besonderer Moment folgt mit „Jump the Fuck Up“. Wie nicht anders zu erwarten, folgt das Publikum der Aufforderung und bringt die gesamte Menge in Bewegung. Max Cavalera selbst hält sich bei dieser Einlage allerdings etwas zurück. Die Energie vor der Bühne leidet darunter keineswegs.
Auch hinter dem Schlagzeug gibt es einen sehenswerten Auftritt. Zyon Cavalera, Sohn von Max, hat sich mittlerweile zu einem ausgesprochen starken Drummer entwickelt und liefert an diesem Abend eine überzeugende Leistung ab. Kraftvoll und präzise treibt er die Songs nach vorne und zeigt dabei deutlich, dass die nächste Cavalera-Generation musikalisch bestens aufgestellt ist.
Mit „Eye for an Eye“ endet schließlich ein intensiver Auftritt. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt dabei: Auf „Roots Bloody Roots“, den legendären SEPULTURA-Klassiker aus Max Cavaleras Vergangenheit, müssen die Zuschauer an diesem Abend verzichten.
Angesichts der Tatsache, dass SEPULTURA inzwischen ihr Karriereende angekündigt haben, bekommt das Fehlen des Songs fast schon eine symbolische Bedeutung. Während sich bei SEPULTURA der Kreis langsam schließt, setzt Max Cavalera mit SOULFLY seine musikalische Reise unbeirrt fort.
Und genau darin liegt vielleicht eine der großen Stärken dieser Band. SOULFLY lebt nicht ausschließlich von der Vergangenheit. Natürlich gehören die frühen Alben und Cavaleras SEPULTURA-Vergangenheit untrennbar zur Identität der Band. Gleichzeitig gelingt es SOULFLY aber, auch Jahrzehnte später noch neues Material zu präsentieren und dieses glaubwürdig in den bestehenden Katalog zu integrieren.
Unterm Strich bleibt ein ausgesprochen starker Konzertabend. ARRIVING HOME liefert einen soliden Support-Auftritt, bevor SOULFLY die Matrix mit voller Wucht übernehmen. Max Cavalera zeigt sich in guter Verfassung, die Band überzeugt musikalisch und das Publikum sorgt für die passende Atmosphäre.
SOULFLY bleiben damit auch nach über drei Jahrzehnten eine verlässliche Größe, wenn es darum geht, eine Konzerthalle in Bewegung zu versetzen.
Setlist SOULFLY
- Back to the Primitive
- Seek N Strike
- No Hope – No Fear
- Prophecy
- No Pain – No Power
- Fire
- Bring It
- Storm of the Gates
- Execution Style
- Berimbau
- Downstroy
- Pain
- Bumba
- Chama
- Doom
- Jump the Fuck Up

